Wenns Frühling wird

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Die ersten Keime sind, die zarten,

im goldnen Schimmer aufgesprossen;

schon sind die ersten der Karossen

im Baumgarten.

 

Die Wandervögel wieder scharten

zusamm sich an der alten Stelle,

und bald stimmt ein auch die Kapelle

im Baumgarten.

 

Der Lenzwind plauscht in neuen Arten

die alten, wundersamen Märchen,

und draußen träumt das erste Pärchen

im Baumgarten.

 

Rainer Maria Rilke

Rene Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke

(04. Dezember 1875 – 29. Dezember 1926)

österreichischer Erzähler und Lyriker

 

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Will dir den Frühling zeigen

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Will dir den Frühling zeigen,

der hundert Wunder hat.

Der Frühling ist waldeigen

und kommt nicht in die Stadt.

 

Nur die weit aus den kalten

Gassen zu zweien gehn

und sich bei den Händen halten –

dürfen ihn einmal sehn.

 

Rainer Maria Rilke

Rene Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke

(04. Dezember 1875 – 29. Dezember 1926)

österreichischer Erzähler und Lyriker

 

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Dein Flügelschlag

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)

Der Dichter

 

Du entfernst dich von mir, du Stunde.

Wunden schlägt mir dein Flügelschlag.

Allein: was soll ich mit meinem Munde?

mit meiner Nacht? mit meinem Tag?

 

Ich habe keine Geliebte, kein Haus,

keine Stelle auf der ich lebe.

Alle Dinge, an die ich mich gebe,

werden reich und geben mich aus.

 

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)

RAINER MARIA RILKE

Dieses heißt Schicksal

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)

 

Die achte Elegie

Vers 1- 34

 

Mit allen Augen sieht die Kreatur

das Offene. Nur unsre Augen sind

wie umgekehrt und ganz um sie gestellt

als Fallen, rings um ihren freien Ausgang.

 

Was draußen ist, wir wissens aus des Tiers

Antlitz allein; denn schon das frühe Kind

wenden wir um und zwingens, daß es rückwärts

Gestaltung sehe, nicht das Offne, das

im Tiergesicht so tief ist. Frei von Tod.

 

Ihn sehen wir allein; das freie Tier

hat seinen Untergang stets hinter sich

und vor sich Gott, und wenn es geht, so gehts

in Ewigkeit, so wie die Brunnen gehen.

 

Wir haben nie, nicht einen einzigen Tag,

 

den reinen Raum vor uns, in den die Blumen

unendlich aufgehn. Immer ist es Welt

und niemals Nirgends ohne Nicht: das Reine,

Unüberwachte, das man atmet und

unendlich weiß und nicht begehrt. Als Kind

 

verliert sich eins im Stilln an dies und wird

gerüttelt. Oder jener stirbt und ists.

Denn nah dem Tod sieht man den Tod nicht mehr

und starrt hinaus, vielleicht mit großem Tierblick.

 

Liebende, wäre nicht der andre, der

 

die Sicht verstellt, sind nah daran und staunen …

Wie aus Versehn ist ihnen aufgetan

hinter dem andern … Aber über ihn

kommt keiner fort, und wieder wird ihm Welt.

 

Der Schöpfung immer zugewendet, sehn

 

wir nur auf ihr die Spiegelung des Frein,

von uns verdunkelt. Oder daß ein Tier,

ein stummes, aufschaut, ruhig durch uns durch.

 

Dieses heißt Schicksal: gegenüber sein

 

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)

 

und nichts als das und immer gegenüber.

 

 

RAINER MARIA RILKE

 

aus Duineser Elegien